Pontoppidans Roman Hans im Glück

Ein Grundbuch des Weltliteratur

Ein großer Dichter ist tot gemeldet. Vielleicht wird er jetzt oder in naher Zeit erst anfangen zu leben. Es ist das einer der dunklen Fälle, in denen sich die Welt um das wenige Große betrügt, das in ihr besteht. Denn sonderbarerweise, so hört man, ist vielen nicht einmal Pontoppidans Name bekannt. Trotz des Nobelpreises, der ihn smückte. Noch geringer mag die Zahl derer sein, die seinen Roman Hans im Glück gelesen haben, dies dichte, tiefe, einmalige Werk.

Hans im Glück, es ist auch ein deutsches Märchen. Erzählt von dem Burschen, der sich jederzeit zu helfen gewußt, bis er nichts mehr hatte. Erst erhielt er einen Klumpen Gold für sieben Jahre Dienst, dann tauschte er das schwere Gold gegen ein schnelles Pferd, das Pferd gegen eine Kuh, die Kuh gegen ein Schwein, das Schwein gegen ein Gans, die Gans schließlich gegen einen Schleifstein, und als der aus Versehen in einen Brunnen fiel, sprang Hans vor Freuden auf und dankte Gott, daß er ihn auf so gute Art von dem hinderlichen Wesen befreit hatte. Es ist ein Märchen von merkwürdigem Tauschverkehr, wie man sieht, und von einem Dummkopf. Aber der Bursche ist rührend und grundsympathisch, auch verknäuelt sich in seinem scheinbar sturen Handel allerlei. Wie einem Kind das Brot bei Fremden besser schmeckt, als zu Hause, so gefällt Hans allemal mehr, was der andere hat; nicht aus Neid, sondern im Sinn des Traums. Ein Spatz auf dem Dach scheint ihm dann schöner als eine Taube in der Hand; oder: Dort, wo du nicht bist, wohnt das Glück. Weiter aber klingen in dem geringen Verständnis für Besitz künftige oder sehr alte Zustände an, eigentumslose, Hans denkt beim Schwein an die Würste, bei der Gans ans weich gestopfte Kopfkissen, er will immer nur haben, was er braucht, er kapitalisiert noch nicht. Schließlich ist etwas Geheimes in der Leichtigkeit seines Verlusts, in der tumben, völlig echten Freude seines Los- und Ledigseins. Verlaß alles, dann findest du alles, sagt ein alter Spruch, ein gefährlich weiser, für den die Zeit noch nicht gekommen ist. Jetzt machen mit dem dummen Hans andere ihre Geschäfte und ziehen Vorteil daraus, er behält nichts als seine Arbeitskraft und muß diese von neuem verkaufen. Aber fallen die Ausbeuter weg, dann ist es nicht eben dumm, so leicht und glücklich zu sein wie der dumme Hans.

Hans im Glück heißt der Roman Pontoppidans, ein Werk, das man zu den Grundbüchern der Weltliteratur zählen darf. Der Held stammt aus einem finsteren pfäffischen Haus, lebhaft und roh setzt er sich dagegen ab. Träumt von Glanz, Gold, einem gottlosen Dasein, fährt endlich als Student in die Hauptstadt, ist entschlossen, nicht mehr zurückzukehren. Das Leben aber bleibt kümmerlich, matte Liebe zu einem kleinen Mädchen, nur im Kopf des jungen Technikers rumoren ungeheure Pläne zum Umbau des Lands, er trägt seine Armut wie eine vorläufige Hülle. Dann aber, noch in aller Äußerlichkeit, die Wendung: das reichste Haus Kopenhagens, Verlobung mit der Tochter Nanny, der schönen, glänzenden, sinnlichen, weit hat er es gebracht, ganz unerhört strahlt das neue Glück auf dem Grund seiner elenden Kindheit. Es ist ein jüdisches Haus, wohin der Pfarrersohn geraten ist, und nun wäre es an der Zeit, von der anderen Tochter zu sprechen, von Jakobe Salomon, 233 der bedeutenden Jüdin, der trocken-nervösen, unruhig-klugen. Ihr Blick, sagt der Dichter, war geladen mit Einsamkeit und weitschweifenden Gedanken, Kultur eines vornehm aufgeklärten Lichts zeichnete sie aus. Sie haßte, wie von Erinnerungen an ein Trauma berührt, den blonden, lärmenden Verlobten ihrer Schwester, den Burschen mit der empörenden Gesundheit, der vitalen Brutalität und dem Pogromschein dahinter, sie erbrach sich vor Ekel, als sie den Schweißgeruch des Mannes in die Nase bekam, der auf einem Ausflug, selber wie ein Tier, mit den Gäulen des Wagens um die Wette gelaufen war. Es ist hier nicht der Ort, das Weitere zu erzählen, erst recht liegt fern, aus einem der reichsten Kontrapunkte und Überraschungen zwischen Menschen, gar aus bloßer fortarbeitender Erinnerung daran, eine skizzierte Inhaltsangabe zu machen. Nur noch soviel, damit der Leser wisse, was es mit dem Problem, mit den Tiefen dieses anderen Hans im Glück auf sich habe: Hans wendet sich von Nanny ab, Jakobe fällt ihm zu, und war ihm bei der ersten Liebe, als wandle er in Dekorationen, die auch nicht anders dreinsahen wie ein Gemüsegärtchen, so wurde ihm nun, als starre er in einen sausenden Palmenhain. Hans Sidenius fährt in die Steiermark, eine Bahn zu bauen: auf einer einsamen Hütte haust er hoch droben, tiefe Nacht, zum ersten Mal seit seiner Kindheit sieht er mit Ergriffenheit in den ausgestirnten Himmel. Verwunderung überwältigt ihn über die kindliche Punktierschrift und was sie bedeute, und wie er grübelt über den verlorenen Sinn, selber verloren zwischen Himmel und Erde: so ist der erste Umschlag geschehen, der Vater in ihm holt ihn zurück, theologische Bilder tauchen auf ohne Haß, das Gold seines Glanzes rollt ab, der Triumph und Kontrast seiner Liebe werden schwach, der Trumpf des Atheismus schal. All das bleibt ihm noch unbewußt, so sehr, daß er am nächsten Tag – Jakobe war in eben der erstaunlichen Nacht zu ihm gekommen – auf einem Spaziergang mit der Geliebten, noch ganz im alten Haß auf ein Feldkruzifix schießt, und Jakobe jauchzt phantastisch auf, beider Trauma ist selber erschossen, der Gekreuzigte, Gehängte, 234 der Pogrom, die Finsternis über der Welt. Trennung von Jakobs, Ende aller Pläne, die mit ihrem Geld ins Werk gesetzt werden sollten, Heirat mit einer Pastorentochter, Ende auch hier, die Frau verlassend und sich im Unrecht setzend, damit sit mit einem anderen glücklicher werde, kümmerlicher Schluß, nach vielen Jahren, als Wegebau-Assistent auf einem Dorf. Jakobe, sie hatte im Alter ein Heim für einsame Kinder übernommen, erfuhr von dem Tod des lang Vergessenen auf sonderbare Weise. Er hatte ihrem Kinderheim seine Ersparnisse vermacht, der Testamentsvollstrecker teilt es ihr mit, Jakobe ist jäh ergriffen, Erinnerungen stürmen auf sie ein, sie schwankt, am Tisch hält sie sich mit den Händen rückwärts fest. Ein Heft mit Aufzeichnungen fand sich im Schreibtisch des Toten vor: das sind für mich Erinnerungen an den Wegebau-Assistenten, er war ein sanfter und guter Mensch, sagte zum Dorfschulzen der Schullehrer und nahm es an sich, indem er das Haus verließ und sorgfältig zuschloß. Das ist das Ende des Romans, ein Ende der tiefsten Resignation, aber mit einem Licht darüber wie auf den Bildern des letzten Rembrandt. Es ist ein Roman mit lauter Verlusten, wie erkennbar, der Roman eines Menschen, der auf seine Weise die ganze Welt gewonnen hat, sogar eine Überwelt, und sie Stück für Stück wieder läßt. Der Mensch ist ein Abgrund, sagt Georg Büchner, es schaudert einen, wenn man hinuntersieht. Vielleicht war das Ende des Hans Sidenius, in welches man so wenig hinuntersieht, ein fröhlicher Abgrund, einer mit allerlei vergessenem Gewinn. Ach! unsre Taten selbst, so gut als unsre Leiden, Sie hemmen unsres Lebens Gang, sagt Goethe im Faust. Vielleicht lebte im Leben und merkwürdigen Wandel unseres Hans im Glück eine Frage, welche länger anhielt als die Antworten der bereits vorhandenen Welt; und die Welt hemmte diese Frage nicht, konträr, sie arbeitete sie heraus. Quietismus ist dem Ende fern, ebenso Flucht aus der Welt in alle Ewigkeit, es gibt hier kein Pathos des Tods, gar des Absterbens seiner selbst. Das unterscheidet Pontoppidans unvergleichbares Werk von allerhand Pessimismen oder spätbürgerlichen (auch katholizierenden) 235 Buddhismen; hier ist wirklich Hans im Glück, bis zum Ende. Auch der französische Desillusionsroman des vorigen Jahrhunderts ist durch diesen stufenweisen Heraustritt aus der Erscheinung überboten: nichts wird zur Enttäuschung und zur Psychologie, die übrig bleibt, überall ist pralle Wirklichkeit, und dennoch erscheint an ihr ein Mensch, ein Menschliches in seinem Inkognito, für das noch keine Wirklichkeit gekommen ist. Jakobe aber, selber heimlich, ohne daß sie es weiß, die Weggegebene, lebte als Einziges unvergessen.

Der Held hier wird zu dem, was er war, niemals war. Aber die Räume um ihn vergehen, sie vergehen im Blick darauf nochmals. Dieser Roman veraltet nicht, weil er das Veralten, von vornherein in sich aufgenommen hat. Die Menschen in ihm leben so sinnfällig wie in nicht viel anderen Werken, aber die Galerie ihrer Welt zieht vorüber, zieht ab. Jakobe lebt, jedoch der Atheismus ihrer Welt, der jubelnd negative, ist abgelaufen. Noch mehr freilich ist die Theologie der Askese und des Jenseits abgelaufen, die den Helden ergreift, und die er verläßt, sobald er sie besessen und durcherfahren hat. Besonders abgelaufen gar erscheint die individualistische Resignation des letzten Stadiums, die starre Abgeschlossenheit des illusionsfrei gewordenen Subjekts. Und besonders klar schiene sie aus der Klassenlage eines von seiner Welt angeekelten, zugleich hoffnungslosen Bürgertums analysierbar, wenn nur dieses letzte Stadium, das Ende hinter Atheismus und Theologie, das wirklich letzte des Romans wäre und seines menschlichen Dokuments. Das ist es aber, wie erkennbar geworden, nicht: das weite Land dieser Enge ist nicht innerlich, nicht psychologisch, erst recht nicht Nirwana. Es ist vielmehr ein Wartendes darin; nur: die bisherige Welt (und der Traum der Überwelt) hat noch keinen Ausdruck dafür. Der Hans im Glück-Faust durchfährt seine Lebenskreise und wirft sie ab, er erfüllt sich in seiner ganzen ihm möglichen Lebenstotalität und zieht sie wie Schleier herunter, die ein ganz Anderes, noch Unbekanntes verhüllt haben. Darum erscheint das Werk des toten Dichters als eines der tiefsten Dokumente vom wirklichen 236 Menschen und seinem Widerspruch. So realistisch wie die über und über von Handlung erfüllten Szenen, mit manch vorgestellten, wohlfixierten Schlüsselfiguren damaliger Zeit (auch Georg Brandes war darunter), so realistisch ist auch die Dämmerung des Endes, die "Erinnerung" Jakobe Salomons an einen Mann, der weder brutal noch immanent noch transzendent war, der in jedem Fall aber einer war, an dem vors frühe Denken menschliches Inkognito tritt. Er ist fast eine erste versuchte Art, ohne Eigenschaften zu sein – mindestens ohne festgelegte. Das ist nicht "naturalistische", sondern große Litteratur, den Charakter nicht aufhebend, aber inkognito erschwerend – nicht nur für die ahnende Jakobe zuletzt. Das ist große Literatur; der neue Humanismus, wenn er auch in der dritten Dimension zur Wirklichkeit seines Gegenstands vordringt, ist ihr tief verpflichtet.

 
[1] nekrolog: Teksten såvel som dens omstændigheder citeres fra Omkring Lykke-Per, s. 231-36 og 355, der igen har hentet teksten i Literarische Aufsätze (Gesamtausgabe Band 9), 1965, s. 83-88. Det omtalte brev er endnu ikke identificeret. tilbage